„Wenn das Kind von sich aus gegangen wäre, dann könnte ich damit leben lernen. So aber…“
Was ist geschehen? Corinna* spricht mitTränen in den Augen. Sie erzählt von der Abtreibung, die sie zwar angedacht hatte, wozu sie aber ohne Beratung zum Termin durchgereicht worden ist.
Corinna betreibt mit ihrem Mann eine Firma, die gu tangelaufen ist. Die Investitionen und die vielen Arbeitsstunden erzielen einen beachtlichen Erfolg und das Ehepaar ist durchaus zufrieden mit dem, wie es läuft. Die beiden lebhaften Kinder erfordern viel Kraft und Zeit von Corinna, doch sie sind ihre Augensterne.
Dann kommt es zu einem unerwarteten Zwischenfall. Corinna ist trotz vermeintlich sicherer Verhütung schwanger. Wie soll das gehen? Der Betrieb ist gerade gut aufgebaut, die Kinder sind voller Energie und brauchen sehr viel zeitliche und persönliche Zuwendung, der Kinderwunsch eigentlich schon abgeschlossen. Corinna weiß sich keinen Rat. Ihr Mann könnte sich ein drittes Kind wohl vorstellen, doch er will seine Frau nicht zu stark beeinflussen. Ihre beiden Freundinnen, die sie zu Rate zieht, reagieren unterschiedlich: eine bestärkt ihre Zweifel und meint indirekt, dass sie es mit drei Kinder wohl zu schwer haben werde, die andere möchte ihr Mut zusprechen.
Der Gynäkologe, an den sie sich wendet, vergibt vor der 10. Schwangerschaftswoche keinen Termin, bei Abtreibungsgedanken sei das Krankenhaus zuständig, meint er nur. So schwankt das Ehepaar zwischen den vielen Für und Wider, bis Corinna einen Termin im Krankenhaus macht, in der Hoffnung, dort Beratung und Halt zu finden. Im Krankenhaus bekommt sie nach kurzen Informationen über die günstigste Methode der Abtreibung einen Termin - für die Abtreibung. Am Schluss der „Beratung“ wird quasi noch angehängt: „Falls Sie noch mit Jemanden sprechen möchten… .“
Der Tag der Abtreibung ist da. Der Aufenthalt imWartezimmer übersteigt jegliche Erfahrungen im bisherigen Leben von Corinna, die in ihrem früheren Beruf viele äußerst schwierige Lebenssituationen kennenlernen durfte. Frauen sitzen da im Alter von ca. 16 Jahren bis 40 Jahren. Wer hat wohl das junge Mädchen allein gelassen, schießt es ihr durch den Kopf. Blut, verstörte Gesichtsausdrücke der Frauen, die von der „Behandlung“ zurückkehren; Verunsicherung oder auch eiserne Entschlossenheit in den Gesichtern der Frauen, die warten. In keinem Frauengesicht Erleichterung oder gar eine heitere Miene. Nichts deutet auf die positive Lösung des Problems hin, die vorher so schnell und routinemäßig versprochen worden war.
„Seither ist nichts mehr, wie es war. Es vergeht keine Minute, ohne dass mich der Gedanke an das Geschehene einholt. Zwei meiner Freundinnen sind schwanger. Das kann ich gerade sehr schwer aushalten. Ich bin unausgeglichen, leicht reizbar und reagiere oft total ungerecht. Ich kann meineTränen nicht zurückhalten, welche in Situationen fließen, die in keiner Weise in Zusammenhang mit dem stehen, was geschehen ist. Ich möchte einfach wieder normal leben und meine Entscheidung akzeptieren können. Was soll ich tun?“
Traurigkeit, Resignation und Selbstanklage sind im Gesicht der jungen, hübschen Frau zu lesen. Ein unbekannter Weg zur Heilung liegt vor ihr, doch sie will ihn gehen und fasst Mut.
*der Name wurde aus Privacy-Gründen geändert
Bild: Shutterstock